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plattenkritiken 2010

tocotronic - schall und wahn
(vertigo/universal)

am 22.01. erscheint hierzulande die beste deutsche platte 2010, dafür würde ich jetzt schon mein letztes hemd verwetten.
wer glaubte deutschlands unpeinlichste band, tocotronic, hätten mit ihrem feinen vorgänger "kapitulation" schon ihren zenit erreicht, wird sich wundern was einem das tolle werk "schall & wahn" da so alles bietet. während in den usa und auch hierzulande immer mehr bands diesem komischen, neoromantischen befindlichkeitspop fröhnen, schmettert dirk von lowtzow ihnen ein gebührendes "eure liebe tötet mich" entgegen. die popkultur ist ja leider ins unzählige substile atomisiert und es ist ein segen, das tocotronic nicht den trend mit tiermetaphern, kuschelprosa und postbiedermeierei mitmachen. da ist das cover mit der realfotografie eines blumenstraußes als sehr gelungene ironie zu verstehen.
wo man viele deutsche bands aufzählen kann, die dem mainstream mißtrauen ihm aber gleichzeitig nur werte dieser mainstreamgesellschaft entgegenzuhalten scheinen, kommen tocotronic um die ecke und kehren uns mit eisernem besen die flusen aus dem kopf. träumen ist ja im grunde nicht schlecht, aber weltfremdheit wird hier abgelehnt. so ist z. b. die wunderbare protest-pop-hymne "die folter endet nie" als ein gelungener gegenentwurf zu verstehen.
texte wie "ein leiser hauch von terror" oder "stürmt das schloß" sind intelligente, unpolemische punk-oden, von denen man glaubte sie im deutschsprachigen raum nicht mehr zu finden. "macht es nicht selbst", was musikalisch wie ein verlorenes kinderlied im punkgewand daherkommt, haut musikalisch noch radikaler und lauter in dieselbe kerbe und bekommt durch den guten text dann doch die niveauvolle geschmackskurve.
"schall & wahn" ist ein opus voller schönheit und abwechslung, schlauer orchestrierung, feinfühliger backingvocals und brachialer ausbrüche a la
bad brains, the fall oder sonic youth. und sollte man gefahr laufen, in die indie-blümchenpopfalle zu tappen, wird immer rechtzeitig auf die gitarren-tretmine gelatscht. diesen drahtseilakt beherrschen hierzulande tatsächlich nur noch ganz wenige bands.
selbst vor folkpunk-einflüssen scheut man sich nicht ("bitte oszillieren sie"), trägt diese aber mit so einer drolligen, entwaffnenden energie vor, das selbst die ollen pogues ihre wahre freude daran gehabt hätten. ohnehin zirkelt das werk gekonnt hin und her von indiegarage, neofolk, shoegaze bis hin zum progrock und strahlt dennoch die typische, eigene tocotronic-note aus. das experiment ist somit absolut gelungen.
"keine meisterwerke mehr" erklingt es auf der zielgeraden am ende von "schall & rauch". tja, vielleicht ist dieses album ja selbst eins. was machen wir denn dann? am ende steht "gift", welches anfänglich fast wie "light from a dead star" von lush klingt, dann aber seine eigendynamik entwickelt und geradezu etwas sakrales - ohne kitsch - offenbart. der feierliche abschluß eines werkes, das hoffnung macht. mit ihrem neunten (und vielleicht einem ihrer wichtigsten!) studioalbum beweisen tocotronic, das sie immer noch die derzeit schlauste und beste deutsche indie-band sind.
(benny ruess)

tocotronic @ myspace

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