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chris imler - nervös

(staatsakt/rough trade)

chris imler - nervöschris imler ist nicht nur coverboy des höchst attraktiven neuen samplers "keine bewegung" der labels staatsakt und euphorie, sondern gibt als herausstechender schlagzeuger des internationalen zwielichts standesgemäß ein vor nervöser energie berstendes "pop"-album heraus, das falcos charisma mit jens friebes smartem witz, dafs kompromissloser härte und der artyness von chicks on speed melangiert. leute fragen ja immer nach referenzen…
"nervös" klingt nicht nur rastlos und exzessiv, sondern auch so, als ob die polizei allerlei ungereimtheiten im entstehungsprozess und der person des protagonisten finden könnte. imlers gesang ist dabei kaum hysterisch, sondern immer cool und tief, wenn man von den vocoder vocals beim abgründigen opus "die liebenswürdigkeit selbst" absieht, die im besten sinne "drüber" und tongue in cheek rüberkommen. das passt und lässt einen schmunzeln. er bewahrt immer eine gewisse entrückte souveränität über das chaos - man muss unbedingt attestieren: er ist der boss.
hier gibt es also vor allem elektronisches, blips und bleeps, harte Rhythmen, düstere synthieflächen zu hören. alles absolut stilsicher und dramaturgisch ausgefeilt- produktionstechnisch unterstützt von schneider ™. tatsächlich eingespieltes schlagzeug hört man dagegen ausgerechnet kaum, außer bei "schweinsoberleder". dann aber auch richtig fett. eine clever kalkulierte überraschung vielleicht?
genauso unbemüht gut wie die musik ist auch der texter imler, der realitäten und stadtutopien voller identifikationspotenzial mit absurditäten und blüten der erweiterten vorstellungskraft in prägnanten sätzen verbindet. die mit zeitungsartikeln beklebte wand im zimmer des "einfachen arbeiterjungen" wird zu einer eigenen stadt, die "für immer wächst". imler erzählt hier, wie sich die natur innerhalb der zivilisation weiter entfaltet und sich durchsetzt. so ist diese platte nicht weniger als ein erfolgreicher permanent bewusstseinserweiternder balanceakt mit wohl recherchierten einblicken in den abgrund, in dem vielleicht eine bessere welt verschüttet liegt.

(franz joseph bürstner)

chris imler @ facebook