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(bmg/rough trade)
vor
vierunddreißig jahren sagte blixa bargeld spontan einer anfrage zu,
in dem berliner club "moon" einen auftritt zu vollführen.
die perfomance ergänzten die freunde n.u. unruh, gudrun gut und beate
bartel – einfach weil sie gerade zeit hatten…
ein jahr später gingen bargeld und unruh gemeinsam mit f.m. einheit
erstmalig in ein studio, um eine unhörbare platte aufzunehmen: "kollaps".
aus der ermangelung finanzieller möglichkeiten bestand das instrumentarium
aus stahl, werkzeug sowie gefundenen und selbstgebauten objekten, verbunden
mit einer abgehackten stimme, die lediglich entrissene wortfetzen schrie.
damit waren die neubauten die vorreiter der deutschen klangkunst und
entwickelten so weiter, was andere pioniere (throbbing gristle, boyd
rice, whitehouse, klinik, spk) andernorts bereits begonnen hatten. allerdings
hoben bargeld & co. die neubauten auf eine avantgardistische meta-ebene,
die sich unterschied von der simplen provokation und schockeffekten
der anderen industrial-künstler. stets wurde die künstlerische messlatte
der neubauten hoch angesetzt, was ihnen letztlich auch etliche kooperationen
mit anderen künstlern und austellungshäusern gänzlich anderer segmente
samt anerkennung des feuilletons einbrachte.
30 jahre später sind die "einstürzenden neubauten" in der
welt der popkultur etabliert, allerdings ohne den ihnen eigenen sound
mit der prägnanten stimme von blixa bargeld verloren zu haben.
das aktuelle album "lament" ist dabei vielleicht eher als
hörstück zu verstehen, denn zum 100. jahrestag des 1. weltkriegs entwickelten
die klangexperten eine musikalische kollage der kriegs-chronik.
es beginnt mit einem metallischen anschwellen von geräuschen ("kriegsmaschinerie"),
ähnlich wie man es von aktuellen schwedischen industrial-musikern (raison
d'être) kennt. anschließend wechseln sich telegramm-fragmente und –korrespondenz
mit typischen, aber melodiösen songs im stil der neubauten ab.
die band durchstöberte zwecks recherche und materialgewinnung die archive
der humboldt-universität, des deutschen rundfunkmuseums sowie des militärhistorischen
museums dresden. samples und texte finden sich in nahezu jedem stück
des albums wieder.
mit einer länge von beinahe 80 minuten geht der hörer somit auf einen
erfahrungstrip durch die konfliktreiche, von angst geprägte zeit des
frühen 20. jahrhunderts.
doch bargelds stimme ist an manchen stellen zu ausdrucksstark und überzeichnet,
so dass die songs zu einer karikatur verzerrt werden und nicht recht
die atmosphäre der furcht einfangen wollen. auch der häufige wechsel
zwischen experimental-klängen und popsongs lässt keinen einheitlichen
hörgenuss entstehen. manche ideen mögen zudem erstmal originell erscheinen
wie z.b. die percussions bei "der 1. weltkrieg", bei dem jeder
schlag für einen tag des krieges steht und nacheinander die beitrittsländer
aufgezählt werden. doch 13 minuten sind für diese konzeptionelle idee
definitiv zu lang.
in der summe ergibt sich ein album, welches sich nicht recht entscheiden
kann zwischen klangkunst, krach, historischer dokumentencollage und
avantgardistischer popkultur.
doch für liebhaber der "einstürzenden neubauten" ist diese
scheibe in jedem fall ein pflichtkauf und macht neugierig auf ihre anstehende
tournee, die durchaus ein klares künstlerisches prinzip mit emotionalem
aufbau verfolgen dürfte.
(ms)
einstürzende
neubauten @ world wide web
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